Schlüsselgewalt

Kurz vor Weihnachten werden die sogenannten O-Anthiphonen in der Liturgie gesungen. Eine hat zum Thema den Schlüssel Davids, der öffnet und niemand kann schließen. Bei diesem Text erinnerte ich mich an ein Erlebnis im Kinderdorf.
Ich war mit der Helferin in der Speisekammer, außen steckte der Schlüssel in der Tür. Karlheinz 5 Jahre alt erfasste die Gelegenheit und schloss uns beide in die Speisekammer ein. Es gab kein Entkommen. Das Fenster war vergittert. Unser Rufen und Betteln half nichts. Karlheinz hatte den Schlüssel versteckt und gab das Versteck den anderen Kindern nicht preis. Wir mussten warten bis eine Schwester aus dem Nachbarhaus kam und Karlheinz bewegen konnte, das Versteck zu verraten.
Eingeschlossen zu sein das war ein seltsames Gefühl. Aus eigener Kraft eine Tür nicht öffnen zu können, angewiesen sein auf andere, eine ganz besondere Erfahrung. Eine Erfahrung, die mich nachdenklich macht.
In dieser Situation hatte ich jedoch die Sicherheit, es wird uns jemand aufschließen. Wie lange es bis dahin dauern wird – ungewiss.

Diese Sicherheit fehlt mir aber in manchen Situationen, wenn ich mich oder andere ein- oder ausschließe. Hier sind andere Schlüssel gefragt. Ich verweigere mir und anderen manchmal den Zugang zum Leben, habe den Schlüssel zu mir und den Mitmenschen verloren.
Die O-Antiphon weist mich auf den hin, der mir öffnen kann.

Mit der Geburt Christi, kommt uns Gott entgegen mit dem Schlüssel zu unserem Nächsten, zu uns und zu Gott selbst.

Sein Schlüssel ist die Liebe.

Text: Sr. Annemarie Kirsch OP
Bild: pixabay key-4771765_1280

Das Ja zum Himmel im Hier und Jetzt

Es ist der Morgen des ersten Advents. Ich öffne die Wohnungstür und da liegt er vor meinen Füßen:

Der Stern, den ich gestern dort aufgehängt habe als Einladung an den Advent, hier bei uns einzuziehen.

Wie ich ihn da so am Boden liegen sehe, spüre ich das Novembergrau, das noch über mir liegt, all das viele um mich und in mir, das mir das Herz schwer macht, mich flach atmen lässt und stets aufs Neue aus dem Hier und Jetzt wegzieht. Einen Moment lang ist mir danach, den Stern einfach zu nehmen und wieder in die Kiste zu packen.

Aber dann drehe ich mich doch um, hole das stärkere Klebeband aus der Schublade und befestige ihn neu an der Tür. Diesmal besonders sorgfältig. Ob das reichen wird? Wer weiß. Mag sein, er löst sich wieder. Aber was hindert mich daran, ihn auch dann wieder vom Boden aufzuheben und neu aufzuhängen?

Es scheint, so kommt mir, dass das meine erste Aufgabe in diesem Advent ist.
Die Einladung an das Licht, das kommen will,
das Ja zum Himmel im Hier und Jetzt,
das Vertrauen in die große Kraft des kleinen, unscheinbaren Anfangs zu erneuern –
wieder und wieder.

Text und Bild: Katja Süß, Lehrerin an einem Koblenzer Gymnasium und Mitglied der Dominikusgruppe Speyer, der dem Institut St. Dominikus angegliederten dominikanischen Laiengemeinschaft

November-Wunsch

mögest du
möge ich
mögen wir

von den
fallenden
blättern
lernen

zugrundegehen
ist
heimkehren

zum grund
aller dinge
zum grund
allen seins

Text, Aquarell-Kartonage-Druck und Grafik: Katja Süß, Lehrerin an einem Koblenzer Gymnasium und Mitglied der Dominikusgruppe Speyer, der dem Institut St. Dominikus angegliederten dominikanischen Laiengemeinschaft.

Herbst – Moment

Wie so oft ist es auch in diesem Jahr ganz schnell gegangen: an einem Tag war es noch sommerlich warm, die Bäume voll mit grünem Laub – und dann auf einmal ist es Herbst. Die Blätter haben sich schon gefärbt und leuchten, wenn Sonnenstrahlen auf sie fallen. Nebel legt sich über die Welt, Felder und Bäume verschwinden in ihm. Auch die Bank taucht nur langsam, schemenhaft aus dem Nebel auf, aber sie lädt ein, einen Moment innezuhalten und zu schauen. Den Ort wahrzunehmen, die Zweige und Blätter, Steine und Halme, den Geruch von Herbstlaub und feuchtem Moos. Das kleine Schild, auf dem eine Sanduhr zu sehen ist – vielleicht noch eine Einladung, zuzulassen, dass manchmal die Zeit stillsteht. Ob ich mich setzen kann? Vielleicht ist es warm genug dafür, vielleicht kriecht der Nebel aber auch feucht unter die Jacke, und ich verschiebe das Hinsetzen besser auf später. Zuhause, bei einer heißen Tasse Tee, kann ich eine Kerze anzünden und den Herbst- Moment nachklingen lassen, mich wahrnehmen – mitten in bunten Farben, die aus dem Nebel auftauchen und sich wieder auflösen, mitten im Herbstlicht und der Herbstdunkelheit, mitten in meinem Leben, das manchmal so schnell ist, wie der Herbst gekommen ist – und manchmal auch Zeit lässt zum Atmen, zum Sein – in diesem Herbst- Moment.

Text: Annette Schulze Pastoralreferentin, Klinikseelsorgerin,   Geistliche Mentorin
Foto: pixabei autumn-4650318_640

Schwester M. Erentrudis Bieger OP


Herr, bei dir ist die Quelle des Lebens,
in deinem Licht schauen wir das Licht.

Am 14. Oktober 2024
rief Gott im Mutterhaus in Speyer
unsere liebe

Schwester M. Erentrudis Bieger OP

im 95. Jahre ihres Lebens
im 73. Jahre ihrer hl. Profess
zu sich heim

Für die Schwestern des Instituts St. Dominikus Speyer:

Sr. M. Gisela Bastian OP Generalpriorin

Die Angehörigen

Speyer, Ludwigshafen, den 15. Oktober 2024