Die Seligpreisungen – ein Weg in die Erfahrung

Autorin: Sr. Mechthild Fricke OP

„Freund, wo nicht Christus wirkt,
da ist er auch noch nicht.
Obgleich der Mensch
von ihm singet oder spricht.“

Angelus Silesius

Lange suchte ich und sehnte mich danach, in die Erfahrung der ‚Christuskraft‘ zu kommen. Eines Tages dann geschah es, dass ich den Weg, der in eine solche Erfahrung führt, in den Seligpreisungen der Bergpredigt ent-deckte (Mt 5,3-12). Ihnen nachsinnend entstand in meinem Herzen folgender Hymnus:

Es dauert lange, lang –
bis du erkennst,
dass nur ein armes, ein leeres Herz
dich ent-grenzt.
Denn lassen, lösen dich –
das ist ein hartes Ding,
und nur wer geleistet Trauerarbeit weiß,
wovon ich sing!

Geleistet – du?
Das war dein Gott!
ER, der gewaltig liebt,
bracht‘ über dich die Not,
damit du gewaltlos sollst werden,
befreit vom Trieb der Macht dieser Erden.

Weit und weiter wird dein Herz.
Und im Erkennen – nur vom Ego kommt der Schmerz –
brichst du die Enge mehr und mehr
und suchst allein des Ewgen Ehr!
Sie ist die Deine nun geworden.

Du lebst, du liebst,
bist Himmelspforten.
Ganz umsonst gibst du dich hin,
ist doch dein Herz ein lauter Ding.
Ganz ohne Absicht ist es da,
schenkt Fried als Frucht –
ja es ist wahr:
So ein Leben, hier auf der Welt,
ist selig zu preisen im Spannungsfeld!

Nach weiterem intensivem Meditieren der Seligpreisungen entstand dann ein Referat, das ich in der Zeitschrift  Kontemplation und Mystik , Jg. 12, Heft 2/2011, Verlag Via Nova, Bestell-Nr. ISSN 1610-2185 unter dem Titel „Die Seligpreisungen kontemplativ gelesen“ veröffentlichte.

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Das Bild zum Impuls zeigt eine lebensgroße Bronzeplastik des sitzenden und lehrenden Christus der Künstlerin Gisela Drescher. Die Plastik steht auf dem Gelände des Benediktushofes in Holzkirchen/Unterfranken.

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Bist Du es

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Bist Du es, den ich erwarte

meine Sehnsucht
Himmel
ohne Leid, Not und Tod

Dein Angebot

ein Kind
ein Mensch
arm
machtlos
ausgeliefert
Erde
ein Bruder

Vermag ich das je zu fassen

Du hebst mich nicht
in den Himmel
Du kommst zu mir
auf die Erde

Du bekräftigst Dein – Ja –

zu dieser Erde, zu uns
zu Deiner Schöpfung

Dieses – Ja –
Herausforderung an uns
dieses – Ja – zu leben

Dich zu finden
hier und jetzt

Wie die Hirten
Himmel erfahren
weil Du da bist
in unserer Welt

Novembergedanken

Autorin: Sr. Helga Jörger OP

„Dankt dem Vater mit Freuden! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind.“ (Kol. 1,12)

Der Spätherbst ist für viele Menschen eine schwere Zeit. Depressionen brechen oft im November auf, die Novembernebel verschlucken die Lebensfreude, oft auch den letzten Lebenswillen. Gefühle der Einsamkeit, des Alleinseins nehmen zu, die Natur spiegelt die Vergänglichkeit unseres Lebens wieder.

Die Kirche aber feiert den Beginn des Novembers mit einem strahlenden Fest: mit Allerheiligen

Wen feiern wir an Allerheiligen, wer sind sie, die Heiligen?
  • sind es die namhaften Heiligen, die wir im Laufe des Kirchenjahres sowieso feiern
  • sind die Heiligen nicht zu weit weg von unserem Alltag
  • leben sie nicht in einer unzugänglichen Zukunft, die unsere Gegenwart kaum berührt
  • sind es nicht unerreichbare Gestalten, die uns mehr erschrecken, als uns einladen, sich mit ihnen zu beschäftigen

Schauen wir zunächst in das Evangelium des Festtages! Da stellen wir fest, dass es die ganz Kleinen sind, die Jesus seligpreist, die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen und Hungernden, die Barmherzigen und Lauteren, die Friedfertigen und Getretenen. Jesus selbst hat sich um diese Kleinen gekümmert. Er hat die Traurigen getröstet, die Kranken und Leidenden geheilt und die Ausgestoßenen wieder in die Gemeinschaft zurückgeholt.

Die Heiligkeit der Großen hat immer damit angefangen, dass sie auf die Botschaft Jesu hörend auf die Kleinen und Armen zugegangen sind. Mit ihnen haben sie ihr Leben oft auf unkonventionelle Weise geteilt. Sie haben für die an den Rändern der Gesellschaft Lebenden diese Welt oft etwas lebenswerter, friedlicher und gerechter gemacht.

Heilige sind also Menschen, in denen Gott gleichsam von unten her wirkt, vom Boden der Gegenwart mit all dem, was die Menschen suchen, was ihre Freuden und ihre Nöte sind. In ihnen dürfen wir erspüren, dass Gottes Geist immer neu da ist und wirkt. In ihnen setzt er Zeichen für das Neuwerden, für den Weg des Glaubens in die Zukunft hinein.

Heilige sind Zeugen, Dokument dafür, dass Gottes Gegenwart unter uns sichtbar und spürbar ist.

„Die Heiligkeit ist auf keine Formel zu bringen, oder vielmehr auf alle …“ schreibt der französische Schriftsteller Georges Bernanos im Blick auf unseren Ordensgründer Dominikus.

Kann das nicht eine Botschaft sein, die uns die Heiligen, die namhaften und die namenlosen hinterlassen und uns ermuntern, unseren ganz persönlichen Weg in der Schlichtheit und Treue unseres alltäglichen Ja zu gehen?

Erntedank

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Erntedank ist ein Fest für alle Sinne. Die Fülle der Früchte, ihre Farbenpracht, ihre Düfte, ihr Wohlgeschmack, all dies genießen wir im Herbst in ganz besonderer Intensität.

Aber gerade die Erfahrung der Fülle, die uns geschenkt ist, darf uns nicht blind machen für den Zustand unserer Welt. Es ist gut, den Blick zu weiten. Wir wissen inzwischen, dass wir durch unser Verhalten dazu beitragen, dass

  • die Wüsten sich vergrößern
  • Dürreperioden, Überschwemmungen, Unwetter die Erträge gefährden
  • das Heer der hungernden, verhungernden Menschen beständig wächst
  • wir z. B. durch unseren übermäßigen Fleischkonsum, den Biosprit, die Abholzung der Wälder anderen Menschen ihre Lebensgrundlage zerstören
  • durch die große Kluft zwischen Armen und Reichen der Weltfrieden gefährdet ist
  • wir die Lebensgrundlage für die kommenden Generationen zerstören

Bei dieser Auflistung geht es nicht darum, uns unsere spontane Freude an den kostbaren Gaben der Erde zu verderben. Wir dürfen uns an Erntedank von ganzem Herzen freuen und tiefe Dankbarkeit spüren als ein Geschenk, das uns verwandelt und zum Handeln ermutigt, damit möglichst allen die Freude an diesen Gaben möglich wird, heute und in Zukunft.

Haben wir nicht den Auftrag an Gottes Reich, das ein Reich der Liebe ist, mitzubauen?

Werden wir aus Dankbarkeit Hüterinnen und Hüter unserer Erde!

Ermutigung

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

In einer Ansprache an Christi Himmelfahrt überraschte mich der Prediger mit der Frage: Was bringt uns, mir Christi Himmelfahrt? Ja was bringt es mir? ein Ausspruch, den man öfter zu hören bekommt. Diese Frage nun an das Handeln Jesu gestellt war mir fremd.

Was bringt es seinen Jüngern, mir, dass Jesus weggeht?

  • Er fordert durch sein Weggehen die Jünger und mich auf, selbst Verantwortung zu übernehmen
  • Er traut es seinen Jüngern, mir zu, dass wir seine Botschaft weitertragen
  • Er stärkt damit ihr, mein Selbstbewusstsein. So wie Eltern ihren Kindern etwas zutrauen und sie ermutigen – du kannst das-
  • Er gibt seinen Jüngern, mir noch einen Trost mit, um die letzten Ängste zu vertreiben, den Hl. Geist

In den Abschiedsreden bei Johannes 14,16 – 18 sagt Jesus den Jüngern: Ich werde den Vater bitten und er wird einen anderen Mutbringer euch geben, um bei euch zu sein – auf Weltzeit hin. Der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht schaut und nicht erkennt … Ihr kennt ihn, denn bleibend ist er bei euch und ist euch inne. Ich will euch nicht als Waisen lassen: Ich komme zu euch.*

*Aus dem Neuen Testament übersetzt von Fridolin Stier