Inmitten der Nacht kommt das Heilige zur Welt

Autorin: Katja Süß*

auch an
weihnachten
zerbrechen
sterne

findet uns
die traurigkeit

klopft
die angst
an unsre tür

mögen wir
gerade dann
still werden
hinhören
tiefer gehen
staunend entdecken

jede scherbe
spiegelt
das licht

tränen
glitzern
wie morgentau

die botschaft
lautet
fürchte dich nicht

inmitten
der nacht
kommt
das heilige
zur welt

berühren sich
himmel
und erde

*Katja Süß ist Mitglied der Dominikusgruppe Speyer, einer dem Institut assoziierten Laiengemeinschaft.

Advent 2015

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet …*

Im Advent konfrontiert uns die Kirche mit der Botschaft der Menschwerdung Gottes in Jesus. Wie unfassbar, wie unglaublich diese Botschaft eigentlich ist, kommt in den Zeilen eines Gedichtes von Christine Lavant zum Ausdruck.

„Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet, wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen?“ Aus diesen Worten spricht eine tiefe Sehnsucht, aber zugleich auch die Schwierigkeit der Botschaft zu trauen, dass Gott zu uns herabgestiegen ist und Mensch geworden ist in Jesus. Die Entscheidung zur Annahme dieser Botschaft bleibt uns so wenig erspart, wie den Menschen zurzeit Jesu. Von Beginn seines Lebens bis zu seinem Tod am Kreuz scheiden sich dabei die Geister. Es ist ja auch eine unglaubliche Botschaft, dass sich „der Himmel“ in unsere Armut niederkniet. Es ist die Herausforderung aus der Sicherheit unseres Denkens herauszutreten in eine für uns nicht fassbare Weite.

„Den Apfel nähme ich wohl gern herein und möchte heimlich an der Schale riechen, bloß um zu wissen, wie der Himmel schmeckt. … Doch eigentlich ist meine Stube gut …Mir tut auch nur der halbe Schädel weh …“ Mit diesen Worten zeigt Christine Lavant, was uns davon abhält, zu vertrauen, dass Gott in unsere Tiefe hinabsteigt.

Wagen wir erneut das tiefe Vertrauen in die Liebe Gottes zu uns Menschen, sie führt uns heraus aus unserer engen Stube in die Weite der Liebe zu uns und den Mitmenschen.

* Christine Lavant in „Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet …“
Gemälde: Hiltrud Rauner

Es geht nicht an

Autorin: Annette Schulze

Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird
und alles bleibt, wie es ist.

Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird
und kein Mensch lässt ihn ein.

Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird
und kein Mensch wird anders.

Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird
und die Welt geht ihren Gang.

Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird
und Kinder weinen noch immer.

Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird
und Menschen abseits stehen müssen.

Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird
und keinem Menschen geht ein Licht auf.

(Werner Schaube)

Mit dem Anspruch, die Advents- und Weihnachtszeit als besinnliche Zeit erfahren zu müssen, setzen wir uns selbst unter Druck. Plätzchen backen, Grüße schreiben, Päckchen verschicken – die schönen Traditionen machen unsere Alltage noch voller. Aber das Geheimnis von Weihnachten ist im Grunde ganz einfach: Gott wird Mensch – mitten in unserer Welt, mitten in unserem Leben. Und wenn uns mit diesem Geheimnis ein Licht aufgeht, wird sich etwas ändern in unserem Leben und in unserer Welt.

Gott wird Mensch, Gott schaut uns an – in der alten Dame, die ihren Hund ausführt, aus dem Kinderwagen der jungen Familie von nebenan und auch über Theken und Marktstände hinweg. Nicht zuletzt schaut Gott uns entgegen, wenn wir uns selbst im Spiegel betrachten.

Weihnachten heißt, dass Hirten und Könige, Menschen und Tiere ihren Platz an der Krippe haben. Es geht nicht an, dass Gott Mensch wird und alles bleibt, wie es ist.

Probieren wir doch mal aus, was wir verändern können, indem wir einander anders begegnen, weil Gott uns begegnet – jeden Tag neu.

Erntedank, ein Fest für alle Sinne

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Mit dem Erntedank begehen wir ein Fest für alle Sinne. Die Fülle der Früchte, ihre Farbenpracht, ihre Düfte, ihr Wohlgeschmack, all dies genießen wir im Herbst in besonders intensiver Weise. Dies regt uns an, an diesem Fest, die Frucht unserer menschlicher Arbeit, aber nicht nur diese zu feiern.

Denn das meiste ist uns geschenkt.
Samen
Wetter, Sonne, Regen, Wind
selbst das Leben eines jeden von uns
unsere Fähigkeiten, die wir zwar entwickeln aber nicht machen können
das positive Zusammenwirken vieler Menschen
friedliches Zusammenleben

Sich dessen bewusst zu werden, zeichnet uns Menschen aus. Das Erntedankfest bietet uns einen geeigneten Anlass dazu.

Anselm Grün sagt: „Dankbarkeit macht den Menschen aus.
Der Undankbare ist noch nicht wirklich Mensch geworden.“

Dankbarkeit öffnet uns Sinn und Herz für Gott, Welt und Mensch.

Meine Seele lobt dich, Gott

Autor: Eugen Eckert

Meine Seele lobt dich, Gott,
und mein Geist freut sich
an den Wundern, die du tust.

Ich liege auf grüner Aue
und tauche in dein Himmelsblau.
Der Wind spielt mit den Wolken
gibt ihnen Gestalt
und löst die Formen wieder auf.
Sie ziehen weiter, wer weiß wohin?

Meine Seele lobt dich, Gott,
und mein Geist freut sich
an den Wundern, die du tust.

Ich liege auf grüner Aue
und tauche auf im Himmelsblau.
Nach Luft lechzt meine Lunge.
Tief atme ich ein
und atme ganz langsam wieder aus.
Ich lebe gerne, jetzt und hier.

Meine Seele lobt dich, Gott,
und mein Geist freut sich
an den Wundern, die du tust.

Ich liege auf grüner Aue
und weiß dich nah im Himmelsblau.
Dein Hauch verleiht den Atem,
der mich belebt
und mit mir alle Kreatur.
Beatme mich: Wind, Luft, Geist, Gott,
du Lebensspur.

Aus: Sommerfrische für die Seele – Ein spiritueller Urlaubsführer
von Eugen Eckert und Sigurd Rink
Kreuz – Verlag ISBN 3451610582