Osterweg

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Das leere Grab
entdecken
in Trauer
sich abwenden
das Vergangene
erinnern
zum Alltag
übergehen
erfolglos
bleiben

Angesprochen
werden
einen Auftrag
erhalten
Fülle
erleben

Erkennen

Nach der Liebe
gefragt werden
sich zur Liebe
bekennen

Neu gesandt werden

nach Joh 21,1 ff

Foto: Sr. Annemarie Kirsch OP

Entwurf für ein Osterlied

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Die Erde ist schön, und es lebt sich
leicht im Tal der Hoffnung.
Gebete werden erhört. Gott wohnt
nah hinterm Zaun.

Die Zeitung weiß keine Zeile vom
Turmbau. Das Messer
findet den Mörder nicht. Er
lacht mit Abel.

Das Gras ist unverwelklicher
grün als Lorbeer. Im
Rohr der Rakete
nisten die Tauben.

Nicht irr surrt die Fliege an
tödlicher Scheibe. Alle
Wege sind offen. Im Atlas
fehlen die Grenzen.

Das Wort ist verstehbar. Wer
Ja sagt, meint Ja, und
Ich liebe bedeutet: jetzt und
für ewig.

*Aus: Rudolf Otto Wiemer, Ernstfall. I.F. Steinkopf Verlag 1973

Es liegt an uns, wieweit der Entwurf des Osterliedes zu unserem Osterlied wird, und unsere Atmosphäre in neue Schwingungen versetzt, zum Lebenslied wird – das Licht des Ostermorgens bis in unsere Tiefen dringt.

Foto: Sr. Annemarie Kirsch OP

Dein Tod

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Dein Tod
hätte genügen sollen
denen, die sich Christen nennen
Dein Tod
hätte enthalten können
alle Tode, die wir kennen

Dein Tod
hätte vereinen sollen
alle, die davon erfuhren
Dein Tod
hätte uns helfen können
alle Lebensangst zu nehmen

Dein Tod
hätte uns, wenn wir wollten
vorbereitet für das Leben
Dein Tod
hätte der Weg sein können
in das Leben ohne Tod

*Aus: Hildegard Wohlgemuth, Wen soll ich nach Rosen schicken? Peter Hammer Verlag 1971

Foto: Sr. Annemarie Kirsch OP

Mit Gott in einem Boot?

Autorin: Annette Schulze

Das Foto einer Krippe aus Peru habe ich entdeckt – gerade in diesem Jahr hat es mich besonders angerührt: Josef und Maria sitzen mit Jesus in einem Boot. Ein wenig Proviant ist mit an Bord, auch ein Schafbock, ein Schaf und ein Lämmchen. Es ist für uns ein ungewohntes Bild, eine andere Perspektive auf Weihnachten.

Die Krippe im Boot erinnert an die vielen Menschen, die in überfüllten Booten auf der Fahrt übers Mittelmeer den Frieden und das Leben suchten und den Tod fanden. Menschen sind auf der Flucht – damals flohen Maria und Josef, um ihr Kind vor König Herodes in Sicherheit zu bringen. Und auch heute müssen Menschen ihre Heimat verlassen, um eine Chance zum Überleben zu bekommen. Bei all dem, was Menschen erleben müssen, stellt sich die Frage, ob Gott mit ihnen, mit uns im Boot sitzt. Wir spüren in all den Fragen und Nöten unserer Welt nicht besonders viel von seiner Gegenwart – nicht viel Tröstendes, Wärmendes, Mut- Machendes.

Und doch macht sich Gott auf den Weg – mit uns und zu uns. Das ist die Botschaft der Heiligen Nacht. Während alle unterwegs sind, Hirten bei der Arbeit auf dem Feld, einfache Leute auf der Suche nach einer Herberge und Steuerzahler auf dem Weg zur Volkszählung, macht auch Gott sich auf den Weg und legt sich als Kind in einen Futtertrog, zwischen Ochs und Esel und Schafe. Ganz unten kommt er an, wo auch die einfachen Leute zu Hause sind. Dort will Gott sich finden lassen.

Wo immer Menschen am Boden sind, angeschlagen, traurig, schwach oder bedroht, krank und sterbend, da ist Gott solidarisch mit ihnen. Wo wir den Boden unter den Füßen verlieren – wie in einem Boot, das den Wellen kaum standhalten kann, da ist uns Gott nahe. Gerade dann, wenn wir es nicht vermuten. Das ist kein billiger Trost, sondern ein Versprechen, und wir können es wahrmachen, wenn wir den Blick auf die Menschen lenken, die mit uns im Boot sitzen. Menschen, die Trost brauchen, ein bisschen Herzenswärme oder ein Mut machendes Wort.

Vielleicht ist das die Botschaft von Weihnachten in diesem Jahr: Es geht nicht nur darum, bei der Krippe anzukommen und das Kind anzubeten – es geht vielmehr darum, diesem Kind in den Menschen unserer Zeit zu begegnen. Diesem Gott in die Augen zu sehen, der hinter uns im Supermarkt steht, neben uns ihr Baby stillt, mit uns in einem Boot sitzt, damit wir nicht verloren gehen.

Text: Annette Schulze (Klinikseelsorge BG Unfallklinik Ludwigshafen)
Foto: Dr. Siegfried Bergler

Advent 2015

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet …*

Im Advent konfrontiert uns die Kirche mit der Botschaft der Menschwerdung Gottes in Jesus. Wie unfassbar, wie unglaublich diese Botschaft eigentlich ist, kommt in den Zeilen eines Gedichtes von Christine Lavant zum Ausdruck.

„Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet, wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen?“ Aus diesen Worten spricht eine tiefe Sehnsucht, aber zugleich auch die Schwierigkeit der Botschaft zu trauen, dass Gott zu uns herabgestiegen ist und Mensch geworden ist in Jesus. Die Entscheidung zur Annahme dieser Botschaft bleibt uns so wenig erspart, wie den Menschen zurzeit Jesu. Von Beginn seines Lebens bis zu seinem Tod am Kreuz scheiden sich dabei die Geister. Es ist ja auch eine unglaubliche Botschaft, dass sich „der Himmel“ in unsere Armut niederkniet. Es ist die Herausforderung aus der Sicherheit unseres Denkens herauszutreten in eine für uns nicht fassbare Weite.

„Den Apfel nähme ich wohl gern herein und möchte heimlich an der Schale riechen, bloß um zu wissen, wie der Himmel schmeckt. … Doch eigentlich ist meine Stube gut …Mir tut auch nur der halbe Schädel weh …“ Mit diesen Worten zeigt Christine Lavant, was uns davon abhält, zu vertrauen, dass Gott in unsere Tiefe hinabsteigt.

Wagen wir erneut das tiefe Vertrauen in die Liebe Gottes zu uns Menschen, sie führt uns heraus aus unserer engen Stube in die Weite der Liebe zu uns und den Mitmenschen.

* Christine Lavant in „Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet …“
Gemälde: Hiltrud Rauner