Novembersegen

Autorin: Katja Süß

möge
da die tage kürzer werden
das vertrauen
auf das licht in uns wachsen
das keine nacht auslöscht

möge
da die nächte länger werden
die gewissheit in uns wach bleiben
dass das dunkel
nicht die ganze wahrheit ist

möge
da die kälte zunimmt
uns die glut des herzens wärmen
die die asche des zweifels und der mutlosigkeit
nicht zu ersticken vermag

möge
da die blätter fallen
unser blick
den unverstellten
himmel wahrnehmen

Text und Bild: Katja Süß, Lehrerin an einem Koblenzer Gymnasium und Mitglied der Dominikusgruppe Speyer, einer dem Institut St. Dominikus angegliederten dominikanischen Laiengemeinschaft.

Zerbrechliche Gefäße sind wir

Autorin: Katja Süß

„Gott ist in unseren Herzen aufgeleuchtet…
Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen.“ (2. Kor 4)

Zerbrechliche Gefäße sind wir, unsere Körper, unsere Psyche, unser menschliches Sein.

Zerbrechliche Gefäße sind auch unsere Strukturen und Institutionen, unsere Regeln, unsere Ämter, unsere Gebäude, die wir formten, um den Schatz tragen zu können: Dem Wandel der Zeit unterworfen, dem Werden und Vergehen.

Was wir halten wollen, zerbricht oder wird zur Fessel, was wir aus der Hand zu geben vermögen, kann sich wandeln und auch im Morgen gute Dienste leisten.

Wo wir auf unsere Zerbrechlichkeit sehen, schwinden Mut und Kraft und Hoffnung, wird es eng ums Herz, beginnt die Angst nach uns zu greifen, werden wir kleinmütig und kleingeistig, jetztvergessen und zukunftsunfähig.

Wo wir den Schatz wahr-nehmen, den wir tragen dürfen in unseren zerbrechlichen Gefäßen, jenen Schatz, der uns anvertraut ist, jenes Feuer, das brennt und doch nicht verbrennt,und das wächst, wenn wir es teilen, jenen Glanz, der in unseren Herzen aufleuchten, durch unsere Hände weitergetragen werden will und noch durch die Risse unserer Gefäße in die Welt kommt,

mag sein, da wird möglich, was wir nicht zu glauben und zu hoffen wagten.

Text und Bild: Katja Süß, Lehrerin an einem Koblenzer Gymnasium und Mitglied der Dominikusgruppe Speyer, einer dem Institut St. Dominikus angegliederten dominikanischen Laiengemeinschaft. Text und Bild entstanden zum Generalkapitel des Instituts St. Dominikus 2016

Neuland betreten

Autorin: Sr. Annemarie Kirsch OP

Gott gab Abraham den Auftrag „Zieh weg aus deinem Land…in das Land, das ich dir zeigen werde…. Ich werde dich segnen….Ein Segen sollst du sein…“(Genesis 12,1u.2)

Ist das nicht auch die Aufforderung Tag für Tag an uns?

Ich bin eingeladen, Neuland zu betreten.

Das heißt:
Augen auf,
Ohren auf,
Nase auf,
alle Sinne auf,
Herz auf,
offen sein.

Was will Gott mir an diesem Tag zeigen?
Ich gehe mit dem Segen Gottes in den neuen Tag.
So werde ich Segen sein.

Foto: Sr. Annemarie Kirsch OP

Herz Jesu Fest

Autorin: Katja Süß

Nach dem Herzen Gottes

Auf dem Jakobsweg Anfang der 90er. Unsre dreiköpfige Pilgergruppe erreicht am Abend das Refugio einer spanischen Stadt. Müde und erschöpft sind wir, der Tag war lang, die Sonne heiß, die letzten Kilometer staubig und von Verkehr umbraust.

Freundlich begrüßt uns der Herbergsvater, zeigt uns, wo wir schlafen können und lädt uns in den Gemeinschaftsraum ein. Als wir ihn nach einer Weile aufsuchen, hat er warmes Wasser vorbereitet, damit wir unsere Füße darin baden können. Und dann kommt er nacheinander zu jedem von uns, trocknet uns die Füße ab, untersucht sie sorgsam und versorgt fachgerecht die Blasen, die wir uns gelaufen haben. Unterhalten können wir uns nicht, zu wenig kennen wir die Sprache des jeweils anderen. Und doch spricht, was der Hospitalero tut, deutlicher als jedes Wort es könnte.

Auf die Frage, wie unser Gastgeber heiße, antwortet man uns: “Jesús“. Als Vorname war mir das bis dahin nicht untergekommen, aber passender hätte es nicht sein können.

Natürlich war Jesús nicht Jesus – aber, so bin ich überzeugt, ein Mensch nach seinem Herzen und damit nach dem Herzen Gottes, ein Mensch wie ein Mensch, in dem Gott spürbar wird.

Mögen auch wir leben
als Menschen
nach dem Herzen Jesu

Verwurzelt
in der Gewissheit
geliebt zu sein

und

durchströmt
von der Gütekraft
Gottes

Text und Bild Katja Süß

Katja Süß ist Mitglied der Dominikusgruppe Speyer, einer dem Institut assoziierten Laiengemeinschaft.

Pfingsten 2016

Autorin: Annette Schulze

„Hast Du eigentlich noch alle Tassen im Schrank?“ so fragen wir, wenn uns jemand ziemlich verrückt erscheint. Eine freche Frage vielleicht, aber ein gutes Bild für Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes.

Die Tasse als Bild für uns Menschen: klein oder groß, bunt oder einfarbig, schlicht oder mit Goldrand, Teil eines Gedecks oder ein Einzelstück. Tassen sind so unterschiedlich wie wir Menschen auch. Aber gemeinsam ist ihnen ihre Aufgabe: sie sind dazu da, sich füllen zu lassen. Wenn eine Tasse voll ist, kann man nichts mehr hineingießen. Sie läuft dann über. Noch eine Verbindung zu uns Menschen: auch wir sind nicht mehr frei für das Leben, wenn wir bis zum Rand angefüllt sind mit Bildern, Gedanken, Plänen, Aufgaben und Sorgen. Dann haben wir keinen Raum mehr für das, was Gott möglicherweise für uns bereit hält.

Damit es also Pfingsten werden und Gottes Geist wirken kann: nehmen wir uns doch einmal eine Tasse aus dem Schrank und schauen sie uns genau an, spüren, was Leere und was Fülle für uns bedeutet, und füllen wir sie dann mit einem Getränk, das wir ganz bewusst kosten und genießen können…

Möge es uns gelingen, leer zu werden wie eine Tasse, damit Gottes Geist die Fülle des Lebens in unsere Leere hineingießen kann, auf dass wir LEBENDIG werden!