Impulse

Eine besondere Zeit…


Draußen ist es deutlich spürbar Herbst geworden. Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit nimmt mehr Raum ein, und diese Erfahrung hat auch eine Auswirkung auf unser Inneres. In diesem Jahr wird nun der Herbst noch einmal anders – mit der Aussicht auf weitere Kontaktbeschränkungen und Einschränkungen im alltäglichen Leben wird es nicht leichter, sich zuversichtlich auf die dunkle Jahreszeit einzulassen.
Im Frühling und Sommer war der Lockdown noch ganz gut auszuhalten: das Wetter war schön, die Sonne lockte uns hinaus zu Spaziergängen und Radtouren oder auch zum Grillen auf der Wiese oder im Garten – alles auf Abstand. Das wird in den kommenden Wochen nicht einfach so möglich sein.
Vielleicht ist das besonders Belastende an der Notwendigkeit, auf Distanz zu bleiben, Kontakte zu vermeiden, die Tatsache, dass wir uns nicht frei dafür entschieden haben. Wir müssen Abstand halten, um einander zu schützen. Das tun wir – mit dem Kopf können wir das begreifen und nachvollziehen, aber unser Herz tut sich schwer damit. Wir sind Wesen voller Gefühle, voller Sehnsucht nach Berührung und Nähe. Darauf können wir mal für eine Woche Schweigeexerzitien im Kloster verzichten – aber das ist unsere eigene Entscheidung. Diese Zeit der Einsamkeit ist eine frei gewählte, in der wir bewusst die Stille suchen. In den vergangenen Monaten haben vermutlich nur wenige Menschen das Alleinsein als eine Kraftquelle erlebt – obwohl es durchaus eine hätte sein können. Hermann Hesse sagt: „Einsamkeit ist der Weg, auf dem das Schicksal den Menschen zu sich selber führen will.“
Vielleicht kann uns dieser Gedanke in den kommenden Tagen und Wochen ein wenig begleiten und erinnern, dass wir durchaus eine andere Perspektive einnehmen können. Wir können das Alleinsein beklagen und die Kontakte vermissen – und das dürfen wir auch. Aber wir können die Zeit auch als einen Wegweiser zu uns selber sehen, vielleicht sogar als ein Geschenk. Wir können trotz aller Vorgaben Kontakte pflegen- auf eine neue Weise. Vielleicht auch auf alte Weisen: mal einen Anruf machen oder einen Brief schreiben – über die ungewohnt intensiven Eindrücke von einem Herbstspaziergang über neblige Felder und die wohlige Wärme beim Nachhause-Kommen und einer dampfenden Tasse Tee…
Ich wünsche uns, dass wir als Einzelne und auch gemeinsam gut durch diese besondere Zeit kommen, und dass wir uns als behütet erfahren dürfen – an jedem Tag.

Text: Annette Schulze Pastoralreferentin, Klinikseelsorgerin,   Geistliche Mentorin
Foto: Sr. Annemarie Kirsch OP